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Zipser Tagebuch_18.02.2008Lacho dives!
Nach langer Zeit wieder eine Nachricht aus dem Osten…
Leider hat sich seit meiner Rückkehr nach Weihnachten hier einiges verschlechtert. Meine beiden Roma-KollegInnen, Martin und Iveta, arbeiten seit Jänner nur mehr 20h, natürlich hat man ihnen das nicht rechtzeitig gesagt, sondern erst Mitte Jänner, dass die beiden aber ihre Familien ernähren müssen kümmert Clovek v tisni (die Organisation, für die wir hier arbeiten) wenig. Vor allem war auch die Art und Weise wie man es ihnen mitgeteilt hat, sehr „charmant“. Man hat sie bis Mitte Jänner ganz normal arbeiten lassen und ihnen dann zwischen „Tür und Angel“ erklärt, dass sie nun nur noch 20h arbeiten können, da es kein Geld mehr gibt. Somit müssen beide nun für 3800SKK (ca. 130Euro) arbeiten. Doch die allergrößte Frechheit ist, dass dies nur machbar ist, da wir „Freiwillige“ (seit Anfang Jänner sind wir zu dritt) dort arbeiten. Meine Roma-KollegInnen gehen um 16 bzw. 17h nach hause und danach wäre bis um 18h meine slowakische Kollegin alleine, dass das nicht geht ist klar. Jedoch sind nun wir Freiwilligen da, wodurch wir zu viert sind. Es ist im Rahmen dieses EU-Projektes jedoch vorgesehen, dass wir keine Arbeitskraft ersetzen dürfen. Jedoch genau dies passiert hier gerade. Wir hatten heute Dienstbesprechung, bei der ich eingebracht habe, dass es nicht in Ordnung ist, dass eine NGO, die vorgibt Roma zu helfen, bei den ersten Sparmassnahmen die Arbeitsplätze der Roma kürzt. Die Arbeitslosigkeit in der Siedlung ist sowieso schon ziemlich hoch, ca. 80-90% und dann werden auch noch zwei weitere Arbeitsplätze gekürzt, dafür habe ich wirklich kein Verständnis. Es gab bereits im Dezember in der Siedlung Gerüchte, dass die Organisation lieber ihre eigenen Leute (also Gadje, nicht-Roma) im Zentrum haben möchte und nicht Roma; und genau das ist nun eingetreten. Wenn wirklich gespart werden muss, verstehe ich nicht, warum bei den Roma gespart wird, man könnte genauso gut bei der Slowakin sparen. Deren Motivation im Zentrum zu arbeiten ist mir sowieso ein Rätsel, denn sie hat kein Interesse mit den Kindern etwas zu machen, wenn sie etwas lauter sind, schreit sie sie hysterisch an und wenn ihr die Kinder Zeichnungen etc. schenken, sagt sie nicht mal Danke, sondern verzieht nur kurz das Gesicht. Ausserdem behandelt sie meine Roma-KollegInnen wie wenn sie Menschen zweiter Klasse wären, und kommandiert sie herum. Bei einer Dienstbesprechung habe ich gesagt, dass es nicht in Ordnung ist, dass Iveta die ganze Zeit das Geschirr abwäscht, denn wir trinken alle Tee und Kaffee und Iveta ist nicht unsere Putzfrau, worüber sie ziemlich verärgert über mich war. Noch verärgerter war sie, als ich einen „Abwaschplan“ erstellte aber bis jetzt funktioniert er.
Abgesehen davon, dass es mit meinen Gadje-KollegInnen „etwas“ mühsam ist, ist es mit den Kindern total toll. Vor einiger Zeit war hier in Hrhov in der Grundschule eine Faschingsfeier, ich hab mit den Kindern Masken gemacht und sie haben sich riesig darüber gefreut, aber es war viel Arbeit für mich, da sie einiges nicht selbst machen konnten. Somit habe ich ein paar Extra-Schichten eingeschoben, aber wir konnten sogar ein paar Preise beim „Verkleidungswettbewerb“ holen :-) Die Größeren haben individuelle Masken gemacht und mit den kleineren hab ich Bärenmasken gemacht. Leider sind sie auf die „glorreiche Idee“ gekommen, die Masken auf beiden Seiten mit Wasserfarben anzumalen und natürlich wollten sie nicht warten bis sie trocken sind, sondern sie haben sie sich gleich ins Gesicht geklatscht.. danach hieß es 15 Kinder von Wasserfarben zu reinigen. Dies ist hier leider etwas mühsam. Zuerst muss man Wasser vom Brunnen holen, da sie ja zuvor schon beim Anmalen alles verbraucht bzw. verschüttet haben. Dann muss man es warm machen und danach kann man die Kinder der Reihe nach von den ärgsten Flecken befreien…aber sie hatten zumindest ihren Spass dabei ;-) Besonders freut mich auch, dass ich mich auf „meine Kinder“ immer mehr verlassen kann. Ein Junge, der in Levoca in die Sonderschule geht hat sich für die Faschingsfeier Masken aus dem Zentrum ausgeborgt und als ich am nächsten Tag ins Zentrum kam, lag alles bereits im Klassenraum. Da es bei der Faschingsfeier in der Grundschule auch zu einem „Kostümnotstand“ kam, habe ich meine eigenen Sachen verborgt und auch hier, war bereits alles im Zentrum als ich hinkam. Ein anderes Mal waren wir spazieren und ein Junge hatte nur Schlapfen an, seine Mutter war aber nach Levoca gefahren und hatten den Schlüssel mit, also habe ich ihm aus unserem kleinen „Fundus“ Schuhe geborgt. Er hat mich einmal gefragt, ob er sie behalten darf, als ich gesagt habe, nein, das geht leider nicht (wenn ich sie ihm geschenkt hätte, dann hätten alle Kinder neue Schuhe gewollt und das ist leider nicht möglich), war das für ihn okay und er hat sie ohne zu jammern wieder im Zentrum abgeliefert. Derselbe Junge hat mir letztens von seiner Mutter ein Stück Kuchen mitgebracht. Das war wirklich total rührend.
Die letzten zwei Wochen war ein Freund aus Frankreich hier, die Kinder haben gleich am ersten Tag als er im Zentrum mit war, beschlossen dass Tim ihr Freund ist. Von seinen Jonglierkünsten waren nicht nur die Kinder, sondern auch mein Kollege Martin beeindruckt. Letzten Donnerstag haben sie ihn auch gleich verheiratet – vielleicht damit er hier bleibt – ein Mädel hat das Hochzeitskleid ihrer Mutter gebracht und Tim musste es anziehen, meine Kollegin Iveta hat noch ein Haarkränzchen geholt und die kleine Evicka (sprich: Ewitschka) ließ es sich nicht nehmen, Tim auch noch mit Lippenstift zu versehen ;-) Tims Hochzeit mit Miro (ein Bub aus der Siedlung) war der Lacher das Tages, aber er hat sich wacker geschlagen, obwohl er, glaub ich, schon ein bisschen gelitten hat ;-) Auch ich hatte bereits meine Hochzeit, bei der ich als Bräutigam auftrat. Am Freitag habe ich Marek geheiratet, da er mir aber nur bis zum Bauchnabel geht, haben wir das Ganze etwas umgedreht. Ich hab meine Braut im Brautkleid, das zwei Mal so lang war wie er, hochgehoben und getragen, so sind wir nebeneinander dann, er auf meinen Schulternd hängend, zur versammelten Mannschaft „geschwebt“. .. für Blödsinn sind die Kinder wirklich jederzeit zu haben ;-)
Seit gestern ist ein Freund meiner Mitbewohnerin und Kollegin hier, der bereits im Sommer hier auf Besuch war und mit einigen weiteren Freunden mit den Kindern militärische Übungen abgehalten hat. Dies sieht so aus, dass die Kinder ein Luftdruckgewehr bekommen und damit herumballern dürfen. Momentan liegt dieses Ding auch am Küchentisch und daneben zwei Packungen mit Patronen, auf denen oben steht „Warning: Keep away from children!“ somit werden wir uns morgen im Zentrum alle erschiessen. Ich frage mich wirklich, wie dumm man sein muss, um Kindern, die sonst nie mit derartigem Gedankengut in Berührung kommen würden, auf diese Weise Waffen näher zu bringen. Leider bin ich die einzige hier, die dies bedenklich findet…die anderen finden es „cool“.
Ich hoffe es geht euch gut und schicke euch viele liebe Grüsse in alle Himmelsrichtungen :-)
Macht es gut und bis bald! Lachi rat – gute Nacht! Barbara Leave a comment | LinksMyEVS albumCategoriesWho's nearby? | |||