Roskovce

jekh bers andro romano gav - ein jahr in einem romschen dorf

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Zipser Tagebuch_06.04.2008


Lačho dˇives!

 

Einige Wochen sind bereits verstrichen, seit dem letzten Tagebucheintrag, weshalb es nun wieder einmal an der Zeit ist, für einen Bericht aus dem „Wilden Osten“.

 

Wie immer gibt es wieder Erfreuliches und weniger Erfreuliches zu berichten. Generell lässt sich mittlerweile sagen, dass die erfreulichen Dinge immer im Zusammenhang mit den Kindern stehen, wohingegen das weniger Erfreuliche immer die Organisation und die KollegInnen betrifft.

Bevor ich hierher ging, war ich mir schon dessen bewusst, dass es nicht einfach sein wird, dass ich jedoch die größten Differenzen mit meinen Gadje-KollegInnen haben werde, damit habe ich nicht gerechnet.  Meine tschechische Kollegin verkehrt in Kreisen, wo Wehrsportübungen (vojensky vycvik) mit Airsoftwaffen abgehalten werden und sie „importiert“ diese Freunde dann in die Roma-Siedlung, damit sie den Kindern schießen beibringen. Bereits im Sommer fanden solche Übungen statt. Die Organisation stellte Fotos davon sogar auf die Homepage http://www.clovekvtisni.sk/index.php?clanok=53 unter „Leto 2007“. Jetzt im Februar war wieder so ein Kumpane meiner Kollegin hier, er zog bereits bei uns in der Wohnung seine Militäruniform an, schnallte sich einen Beinhalfter um, wo eine Pistole hineinkam und dann hängte er sich noch das Gewehr um und so spazierte er zu Fuß in die Roma-Siedlung…

Ich habe bei der Dienstbesprechung im Zentrum erklärt, dass ich das für höchst bedenklich halte, was hier passiert. Die Gegenargumente meiner tschechischen KollegInnen war (die Slowakin sagt zu allem, was die beiden sagen „Ja und amen“), dass die Kinder lernen müssen mit einer Waffe umzugehen, da es so viele Gangs in der Slowakei gibt (v.a. in Roskovce, das dem tiefsten Waldviertel gleicht). Das wohl lächerlichste Argument kam von meiner tschech. Kollegin, als sie meinte, die Kinder sehen im Fernsehen wie jemand mit einer Waffe jemandem ins Auge schießt, er nimmt die Waffe, drückt ab und zielt. Aber in Wirklichkeit ist das gar nicht so einfach, denn man muss sich schon konzentrieren.

Außerdem ist das hier ja nur ein Spiel, also vollkommen harmlos, abgesehen davon, bin ich ja aus Österreich und verstehe das  nicht.

Glücklicherweise gelang es meiner Roma-Kollegin Iveta und mir dann die Waffen in die Küche zu verbannen. Iveta erzählte auch, dass sich im Sommer schon Eltern aufgeregt haben, dass den Kindern Waffen in die Hand gegeben werden. Somit musste dieser Militär-Freak dieses Mal seine Übungen „trocken“ abhalten, er ließ die Kinder salutieren und lief vor ihnen in seiner Militäruniform auf und ab. Wir hatten eine Woche lang auf unserem Wochenplan neben Handarbeiten und Basteln nun auch von 16h-18h Militärübung stehen.

Das Erschreckende daran war, dass das Aggressionspotential der Kinder die Woche danach um einiges höher war als zuvor. Außerdem fragte mich der 6jährige Patrik etliche Tage lang, wo wir denn in der Küche die Waffen verstecken…

Als ich zu Ostern in Österreich war, wurde während meiner Abwesenheit bei der Dienstbesprechung beschlossen, dass Anfang August wieder Wehrsportübungen stattfinden sollen. Ich habe daraufhin der obersten Chefin der Organisation ein Mail geschickt, dass sie sich gefälligst mal dazu äußern soll, meine vorhergehenden Emails hat sie immer taktvoll ignoriert,  denn ansonsten werde ich eine breitere Öffentlichkeit an dem Wissen teilhaben lassen. Ihre erste Reaktion war, sie steht hinter all dem was im Zentrum passiert und ich rege mich ständig nur auf. Die zweite Reaktion war dann interessanterweise dann doch einlenkender, dass man vielleicht doch über den Gebrauch von Waffen im Zentrum diskutieren solle… Da die TschechInnen und Slowakinnen hier alle miteinander befreundet sind, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich gegenseitig den Rücken decken und Kritik von einer Ausländerin, die noch dazu mit den Roma sympathisiert, nicht wirklich willkommen ist.

Das Ganze wird nun bei der nächsten Dienstbesprechung Anfang Mai besprochen, vielleicht hoffen sie auch, dass ich es bis dahin vergessen habe. 

Ich geniere mich wirklich dafür, dass ich hier für eine Organisation arbeite, die zum einen Roma die Arbeitsplätze streicht – meine beiden Roma-KollegInnen haben momentan nur mehr Verträge bis Ende des Monats, wie es dann für sie weiter geht steht in den Sternen!! – und zum anderen Wehrsportübungen mit Roma-Kindern unterstützt.  Generell ist das Verhältnis zwischen Roma und Majorität eher angespannt und ich kann mir nicht vorstellen, dass dies besser wird, wenn die Slowaken mitbekommen, dass Roma-Kinder lernen mit einer Waffe umzugehen…

 

Nun aber zu erfreulicheren Dingen :-)

Als ich nach Ostern ins Zentrum zurückkam wurde ich von den Kindern total lieb empfangen, sie haben mir wirklich einen imaginären roten Teppich ausgerollt und mich mit Zeichnungen und Briefen beschenkt, die sie während meiner Abwesenheit für mich gemacht haben. Bevor ich gegangen bin, haben sie gemeint, „wer macht jetzt was mit uns? Wer wird mit uns häkeln und mit uns basteln??“ Vor einiger Zeit habe ich von einem Mädchen einen Brief bekommen, in dem sie geschrieben hat, danke, dass du mir das Häkeln beigebracht hast.  Zwei meiner Mädels sind nun bereits am Stricken. Anicka hat schon den Rückenteil von ihrem Pullover fertig- wir mussten zwar ein bisschen improvisieren – aber er sieht nicht so schlecht aus.

Letzte Woche bekamen die Kinder in der Schule für ihre guten Leistungen ein Stipendium. Ein Mädel bekam keines, da sie zu schlechte Noten hatte. Am Nachmittag kam ihr Vater ins Zentrum und fragte mich, ob wir mit ihr lernen können, damit sie das nächste Mal auch das Stipendium bekommt. (auch wenn es ein materialistischer Ansporn ist, ist er gut), nun bringt sie jedes Mal gleich nach der Schule ihre Schultasche ins Zentrum (in dieser Tasche transportiert ein Großteil der Kinder ein paar Hefte, Bücher bekommen viele nicht mit nachhause) und wir rechnen am Nachmittag immer gemeinsam. Zwei andere Mädels haben auch kein Stipendium bekommen und letztens erzählen sie mir, dass sie ab Herbst in die Sonderschule nach Levoca gehen werden. Das ist wirklich wie ein Faustschlag in den Magen. Ich hoffe, dass wir das noch irgendwie hinbiegen können, denn dumm sind die zwei wirklich nicht, sondern einfach nur ziemlich faul! Und  es wäre einfach lächerlich, wenn sie wegen Sachunterricht!!! in die Sonderschule gehen würden.

Auch bei den kleineren Kindern, den Vorschülern und Erstklasslern, sind wirklich Fortschritte zu sehen. Nicht nur bei den schulischen Leistungen, sondern auch was motorische Fertigkeiten anbelangt. Vor Ostern habe ich mit ihnen ausgeblasene Ostereier angemalt und ich war davon überzeugt, dass wahrscheinlich etliche in Scherben enden werden, aber sie haben kein einziges zerbrochen, so behutsam können sie – unglaublicherweise ;-) – mit Dingen umgehen. Sie sind es mittlerweile auch gewohnt, dass wir nach dem Lernen etwas basteln und sind immer total von meinen Vorschlägen begeistert – egal ob es ein einfacher Vogel aus Papier ist oder eine stehende Katze aus Klopapierrollen – einige der Katzen hinken zwar, aber alle stehen!! ;-)

 

Letzte Woche war  eine Deutsche hier, Esther, die im Sommer im Zentrum gearbeitet hat. Die Kinder haben sich riesig gefreut, sie wieder zu sehen. Leider ist sie bereits wieder abgereist, aber sie kommt hoffentlich im Sommer wieder :-)

 

Ich wünsch euch allen einen schönen Frühling, hier ist bereits das reinste Aprilwetter eingekehrt!

 

Ich hoffe euch geht’s gut und ihr habt nicht allzu viel Stress und Arbeit!

Einen schönen Sonntag und liebe Grüße aus der Zips,

barbara

about:zipser tagebuch6-4-2008 @ 11:58 UTCno comments

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